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Leben ist keine Kunst? Und ob! Es ist nämlich eine kreative Kunst wie jede andere auch, die ungeahnte Kräfte mobilisieren kann: Denn gerade, wenn’s hart auf hart kommt, ist unbeirrbare Zuversicht zu entwickeln. Wird es wirklich bitter, muss mehr her als der alltagstaugliche Humor. Und wie bewundernswert: Die wahren Lebenskünstler, die noch am Boden liegend schon voller Visionen in den lichtblauen Himmel blinzeln. Doch nicht jedem gelingt es, seine eigenen kreativen Quellen an zu zapfen, aus denen letztendlich Glück und Zufriedenheit sprudeln . So wird jegliche Art von Kunst – inklusive Lebens -Kunst – im Wikipedia-Konsens definiert: ,, … die entwickelten Tätigkeiten, die auf Wissen, Übung, Wahrnehmung, Vorstellung und Intuition gegründet sind“. Das klingt mehr nach Arbeit, denn nach Sonnenschein.

Auch in der bildenden Kunst ist das kaum anders. Nicht jeder Künstler gilt gleich als Lebens-Künstler , wenn er mit seinen Bildern oder Skulpturen sich und andere beglücken kann. So scheint das private Künstlerleben auf der einen und die Kunst auf der anderen Seite getrennt voneinander zu gedeihen (bestenfalls) – wobei das erfahrene Unterbewusstsein manches Mal kräftig mit malt. Aber es gibt auch Künstler, die ganz bewusst traumatische Erlebnisse verarbeiteten: Josef Beuys (1921-1986), der eine Vorliebe für Filz und Fett in seinen Arbeiten mit seinem Flugzeugabsturz in Russland erklärte, denn dort wurde er mit Fett und wärmenden Filz von den Tartaren geheilt. Die in Paris geborene Bildhauerin Louise Bourgeois (1911-2010) stellte Raum -Installationen mit dem Titel „Die Vernichtung des Vaters“ her – ihre neun Meter hohen Spinnen „Mamans“ hingegen waren ihrer geliebten Mutter gewidmet, die Weberin war. Die Aufarbeitung ihrer Kindheit wurde zu einer Art Überlebenstraining und sie war dankbar für ihr großes Werk. Sie sprach vom „Privileg zu sublimieren“. Oder „Young British Artist“ Tracey Emin (1963) konfrontiert in ihren Installationen , z.B. in „Mein Bett“ mit Selbstbekenntnissen über erlittenen sexuellen Missbrauch. Ihre Kunst nennt sie eine „lebende Autobiografie“ (,,living autobiography“). In der Literatur gibt es sehr wohl das gängige Genre der Autobiografie, in der Bildenden Kunst dagegen machen eher wenige Künstler ihr Dasein an sich zum Kunstwerk. Wobei nicht gleich jedes Selbstporträt der inneren Selbsterforschung dient, z. B. dem jungen Rembrandt ging es bei seinen Selbstbildnissen mehr um Maltechnisches, um mimische Studien.

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Das in Öl gemalte Leben von Frida Kahlo (1907-1954) ist eines der berühmtesten in der Kunstwelt schlechthin. In seiner Radikalität und Ausschließlichkeit macht es sie zur ersten malenden Autobiografin , die 200 Selbstporträts und Zeichnungen geschaffen hat. Bis heute macht ihre Lebens- Kunst Mut und wird zur Offenbarung für viele Menschen , die selbst am Glücksrad drehen wollen. „Viva la Vida!“ Ein Hymne aufs Leben. So betitelte Frida Kahlo ihr allerletztes Bild, bevor sie mit 47 Jahren in ihrem Geburtshaus, dem „Blauen Haus“ in Coyoacan starb. Sie war lebenbejahend trotz ihrer vielen Krankheiten und seelischen Nöte, die die Mexikanerin in ihren Selbstporträts schmerzhaft offenbarte – aber nie als Opfer. Vielmehr ist die Haltung in ihren Porträts – der selbstbewusste Blick geht knapp am Betrachter vorbei – eine fast ikonenhafte Selbst-Inszenierung der Frida Kahlo. Scheinbar ungebrochen malte sie gegen ihr persönliches Leid mit schöpferischer Durchsetzungskraft an. So erzählt sie auch in ihrem berühmten Selbstbildnis „Die gebrochene Säule“ (1944) vom Dilemma ihres Lebens. Äußerlich nackt präsentiert sie dort auch ihr Innerstes. Einen Körper, der durch ein Stütz-Korsett sich aufrecht hält, da das Rückgrat – als ionische Säule dargestellt – mehrfach gebrochen ist. Frida Kahlo kam tat sächlich schon mit einer deformierten Wirbelsäule am 6. Juli 1907 zur Welt. Mit sechs Jahren erkrankte sie an Kinderlähmung, behielt einen verkrümmten Fuß zurück. Mit 18 erlitt sie einen grausamen Verkehrsunfall, bei der sich eine Metallstange von einer Straßenbahn durch ihren Körper bohrte. Das haue 40 Operationen, einige Fehlgeburten und die Amputation eines Fußes zur Folge. Aber gleichermaßen bedeutete dies auch den Beginn ihrer internationalen Karriere. Im Bett über sich einen Spiegel an der Decke befestigt malte sie – meistens sich selbst: „… weil ich oft allein bin und weil ich das Thema bin, das ich am besten kenne“, so Frida Kahlo lakonisch in ihrem Tagebuch. Aber auch ihr Mann und Mentor, der in Mexiko berühmte Maler Diego Rivera war mit seiner permanenten Untreue immer wieder Motiv in ihren Bildern. Ein tragisches Paar im Leben und auf dem Malgrund.

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Auch über 60 Jahre nach ihrem Tod gilt sie mehr denn je weltweit als Idol und bleibt ein Rolemodel für Frauen, Feministinnen und Malerinnen. In digitaler Popularitäts-Währung heißt das heute: über zwölf Millionen Google- Einträge und genau an ihrem 100. Geburtstag war sie das Eintags-Doodle von Google.

Frida Kahlo über ihren Erfolg: ,,Ich war keine Surrealistin, ich habe niemals Träume gemalt. Ich habe meine Realität gemalt.“ Das allerletzte Bild „Viva la Vida“, eines ihrer wenigen Stillleben, malte sie einfach in den drei Grundfarben: Aber so kraftvoll, die Wassermelonen so prall, dass deren knallrotes Fruchtfleisch vor Saftigkeit fast aus der sattgrünen Schale platzt – vor einem wundervoll azurblauen Himmel. Das macht einfach Appetit auf Leben …

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